Traumfängerin

Göttin der guten und bösen Wünsche

von Gisela Sonnenburg

Ach! Welch zügellose Traumtänzerin! Wie moderne Märchen muten ihre Gemälde an. Aber auch deren Schöpferin eignet sich als Projektionsfläche: Sasa Makarova ist eine Traumfängerin par excellence. Unser aller Wünsche und Ängste, Hoffnung und Furcht verfangen sich in ihren Fantasien. Von Blutrot bis Türkis, von Orange bis Petroleum: Als eine Hohepriesterin des Schönen an der Staffelei zeigt die Künstlerin, was uns bewegt.

Als da ist: der Ursprung der Welt. Der weibliche Eros. Die Gefühlswelt einer Frau, die zu lieben weiß, erblüht in Makarovas Bilderwelten zu stets neuen Gefilden des Glücks und des Unglücks. Eintönig ist dieses Universum aus Farbe und Assoziationen mitnichten. Vielmehr zeigt sich Frau in jedem Spiel mit den wilden Elementen, in jedem Dschungel der Triebkraft ganz neu. Eine entzauberte Göttin, die für Dschungel der Triebkraft ganz neu. Eine entzauberte Göttin, die für uns die Maskerade des Lebens praktiziert. Im Guten wie im Bösen.

Fast wäre Makarova Schauspielerin geworden, hätte sie nicht schon mit zehn Jahren beschlossen, sich wie ihr Vater- der sie zum Malen in die Natur mitnahm- der bildenden Kunst zu widmen. Jetzt ist sie die eine legitime Nachfolgerin von Max Beckmann und E.L.Kirchner, eine Vertreterin des postmodernen Expressionismus, die Grenzen der Kunstgeschichte sprengend.

Sinnhaft, die schönen Brüste gern entblößt, flaniert ihr in Öl gemaltes alter ego auf Blütenteppichen zwischen Lianen. Oder sitz als Femme fatale auf dem Sofa Sigmund Freuds, Liebe ersehnend und beklagend. Aber sie ist ein mitunter gefährliches Abenteuer, diese buntmähnige Beauty, diese ihr Outfit wie ein Chamäleon wechselnde Ikone der Passion. Dann hat sie eine Pistole dabei, ein Messer oder eine Schnur: Symbole ihrer Macht. Doch meist genügen ihr die Waffen einer Frau, als Femme mortale zu erscheinen: tödlich für jene, die ihr die Zuwendung verweigern.

Ekstase und Euphorie, ihr Instinkt und ihr hellsichtiger Hang zu Mystik laden ein, diese Magiern bei der Arbeit zu beobachten. Das ist nur vordergründig Malerei. Eigentlich ist die Traumfängerin eine Seelenöffnerin, die von Schuld und Unschuld erzählt, um uns zu zeigen, wo die Affekte ihre animalischen Gefühlsstrudel finden. Gar teuflisch, gar himmlisch- so breit ist das Spektrum.

In Mein Lebensbaum beschreibt sie sich als charmante Clownin mit kussbereitem Schmollmund. Kringelblumen wuchern anbei im Geäst- und zieren ihr Gewand, als sei es wundersam auf Eva Apfelbaum gewachsen. Daphne, die mythische Gestalt, liebte die Natur- Makarova verleiht dem femininen Selbstverständnis die absolute Aura von Naturhaftigkeit.

Dabei liegt hier aus die Dekadenz im Blut. Sie liebt Wien, sie lebt Wien, diese ewig sterbende Metropole;: lüsternen Kriminalgedanken fügen sich dort heiter ein. In Berlin, der Hauptstadt aller Träume, die niemals ist, sondern immer wird, sind ihre Botschaften der Traumanalytik eine Offenbarung innerer und äußeren Reisen: wie nah und fern zugleich ist die zarte Verwundbarkeit einer so starken Frau!