Explizite Akzentuierung des Kolorits

Zu den Arbeiten von Saša Makarová

Dr. Jürgen Schilling

Die österreichisch-slowakische Malerin Saša Makarová stellt sich mit ihrer Kunst ausdrücklich in die Tradition jenes zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts sich entwickelnden Expressionismus französischer, deutscher und österreichischen Prägung, dessen Fährte sich wie ein roter Faden durch die Geschichte figurativer Kunst zieht. Auf unterschiedliche Weise rezipiert und individuell modifiziert, wirkt die Malerei der Fauves, der Brücke-Künstler und ihres weiten Umfeldes bis heute ungebrochen weiter. Eben auch in den Gemälden Saša Makarovás, welche ihre Attraktivität nicht zuletzt ihrer vehementen Bildsprache und einer expliziten Akzentuierung des Kolorits verdanken. Gegenstandsbezogene Lokalfarben werden ausgeblendet und weichen kontrastierenden, heftig kollidierenden Klängen; die Malerin überspielt Details, rafft Einzelformen mit breitpinseligen summarischen Strichfolgen zu lebendig modulierten, dichten Farbgeweben, wenn es darum geht, die Oberfächenstruktur von Inkarnat, Bekleidung und prägnanten Accessoires nachzubilden. Proportionskontraste erscheinen bisweilen grotesk übersteigert – Köpfe etwa werden bewusst auffallend groß wiedergegeben – und Physiognomien radikal auf Charakteristika reduziert, die Makarová nachdrücklich prononciert. Anstelle einer sorgsam abgestuften Modellierung der Gesichtszüge treten markante, impulsiv gesetzte Pinselzüge, die einerseits bündig das Äußere des Gegenübers erfassen, darüber hinaus aber Faktoren hinter dessen schützender Maske zu interpretieren suchen, und der- art Innenwelten bloßlegen, welche sich dem prüfenden Blick nicht zu entziehen vermögen.

Solches gilt für sämtliche als Kopfstück oder ganzfigurige Bildnisse gegebene Portraits und die Gruppenbilder, wobei Makarová Erfahrungen zugutekommen, welche sie sammelt, wenn es darum geht, durch Selbstbeobachtung und -befragung, beim Studium eigener Posen, ihres Mienenspiels und ihrer Gebärdensprache das eigene Auftreten, beziehungsweise das ihres Alter Egos im Bild vorzubereiten. Da als Personal auf ihren Gemälden vorwiegend Frauengestalten agieren, scheint sie sich mit diesen Protagonistinnen zu identifzieren, macht sich deren Part zu eigen, beziehungsweise überträgt zumindest partiell ihre persönliche Disposition und Habitus auf diese. Unter den Rollen auf Saša Makarovás Bühne fallen unter diversen Frauentypen – das ikonographische Repertoire reicht vom träumenden Mädchen, bis zur potenziellen Grande Dame oder koketten femme damnée – vor allem jene ins Gewicht, die das Fach der Melancholisch-Verträumten oder der sinnlich-dominanten Verführerin belegen. So scheint als selbstverständliches Element in diesen Gemälden latent Erotisches auf: Es sind neben mancher in die Bildschöpfung eingesponnene Andeutung, die immer wiederkehrende Betonung der Theatralik des Leibes, dessen partielles Verbergen, ein zum Visier erstarrtes spektakuläres Make-up und die nonverbale Kommunikation mittels der Mimik – vornehmlich der um Blickkontakt werbenden Augenpaare, welche als suggestive Bestandteile der Figurenbeschreibung im Zusammenspiel mit der Saša Makarová eigenen fiebrig-resoluten Malweise Temperament und Ausstrahlung ihrer Arbeiten entscheidend beeinflussen.

Als Malerin rekurriert sie auf ein beträchtliches Fantasiepotential und entsprechend vielseitig gestalten sich ihre Bildfindungen. Immer geht es ihr im Kern darum, menschlichen Empfindungen und Stimmungen nahe zu kommen sowie eine subjektive Beobachtung der Beziehung und Auseinandersetzung der Geschlechter, bei denen die Frau offenkundig als Aktivere die Oberhand behält. Eindringlich schildert Saša Makarová Szenen der Verehrung, der Zuneigung und Leidenschaft, der Abkehr, Verlassenheit und Frustration. Verschlüsselt werden – auch und besonders gelingt ihr dieses im Einzelbildnis – leise Gefühlsregungen oder graduelle Ex- altationen registriert. Tatsächlich Erlebtes und Erkanntes verschmelzen mit Fiktivem, Emotionales mit Konkretem. Selbst alltägliche Situationen vermag sie in ein irreal und mysteriös anmutendes Milieu zu verlegen, wodurch das szenische und affektive Verhalten ihrer Figuren geradezu metaphorisch erscheint. Mit Verve werden immer neue Erzählstränge konstruiert, in denen sie – krass realistisch, im kühlen Stile der Glamour-Journale oder poetisch verklärt – von Ereignissen fabuliert, an deren Entwicklung wir als Betrachter für einen kurzen Moment partizipieren. Zurecht sprachen Autoren von märchenhaften Konstellationen, in welche Saša Makarová ihre teuflischen Männer und eleganten somnambulen Frauen einbringt. Tatsächlich verlegt sie die Handlung mancher Szenen in verwunschene, von allerlei Tieren bevölkerte Parkland- schaften und ferne exotische Sphären, in den Dschungel etwa, zu den Beduinen der Wüste oder den tanzenden Derwischen Istanbuls. Derartige Schauplätze stimulieren – kombiniert mit auf den ersten Blick wenig plausiblen, im jeweiligen Zusam- menhang demgemäß überraschenden Verhalten der aktiven oder in sich ruhenden Figuren – Neugier und Fantasie. Ähnlich verhält es sich mit all jenen Kostümen und Vermummungen, mit denen sie jene maskiert und somit Anlass zu abstrakten, koloristischen Interventionen und einem ungestümen Spiel mit ornamentalen Formen auf den Binnenflächen der Gewänder findet. Verkleidungen verwandeln nicht nur das äußere Erscheinungsbild des Menschen; Saša Makarová oktroyiert ihren Akteuren ein zweites ich und bewirkt damit eine evidente Veränderung der Identität, die sich in deren Gesichtsausdruck und Gebaren offenbart und die Atmosphäre des Bildes insofern beeinflusst, dass die ihm innewohnende Illusion um eine weitere Komponente erweitert wird.

Die fortwährend spürbare romantisch-narrative Attitüde, die bei all ihren Darstellungen mitschwingt, steht keineswegs im Gegensatz zur expressionistischen Auffassung, setzt sie doch ein hohes Maß an Subjektivität und Selbstbesinnung voraus, Prämissen expressionistischer Gestaltung. Auf der Suche nach einer Möglichkeit einer Repräsentation ihrer selbst und ihres Geschlechts verwandelt die Malerin ihr Medium zum Seismogramm individueller Empfindungen und schafft gleichzeitig anderen Gelegenheit, sich mit ihren Sujets zu identifizieren. Routiniert kodiert in farbig gestaltete Flächen und zu dechiffrierende komplexe Symbolik, entfaltet sich vor uns ein origineller privater Kosmos, in welchem sich die spannungsreiche Kraft und intellektuelle Dynamik ambivalenter Sinngehalte manifestieren.