Ins Bild gebändigte Leidenschaft

von Gerlinde Szaal

Saša Makarová huldigt in ihren Bildschöpfungen vor allem den Frauen und verhilft der weiblichen Perspektive so zu neuer Präsenz in der Gegenwartskunst. In ihren Gemälden sind stets intensive Gefühle präsent. Denn ohne emotionale Tiefe gibt es keine Schönheit, so das Credo der Künstlerin. Als eine Würdigung dieser bedeutenden österreichisch-slowakischen Malerin und ihres eindrucksvollen Schaffens präsentiert Galerie Szaal von 21. bis 28. Oktober 2016 eine ebenso umfang- wie abwechslungsreiche Ausstellung.

Als Tochter eines Malers geboren, studierte Saša Makarová zunächst Restaurierung an der Akademie der bildenden Künste in Bratislava. Kurz nach der Wende lernte sie bei einer großen Ausstellung Adolf Frohner kennen, der sie in seine Meisterklasse an der Wiener Universität für angewandte Kunst holte. Damals malten alle Studenten abstrakt. Makarová aber erkannte schon früh, dass ihre Stärke im Figurativen lag und beschloss, ihre eigene Handschrift zu bewahren, was ihr ein Begabtenstipendium und in weiterer Folge ein Diplom mit Auszeichnung eintrug.

Zeigt sich in Makarovás Werken der 1990er Jahre vor allem die Begeisterung der Malerin für die Fauvisten, allen voran für Matisse und Vlaminck, wird nach der Jahrtausendwende der Einfluss ihrer Studienaufenthalte in Asien deutlich. Die Farbigkeit der Malereien in den Höhlentempeln von Dunhuang in Nordchina oder die Pracht der Wandmalereien in Tibet sind prägend für die Künstlerin, die in der Folge auch die eigenen Bildwelten als wahre Farbfeuerwerke gestaltet und sich so als wichtige Vertreterin des postmodernen Expressionismus positioniert.

Ihre rezenten Arbeiten haben sich in formaler Hinsicht vom Expressiven hin zu einer ruhigeren Gestaltung entwickelt. Beim Kolorit ist es ebenfalls vom Crescendo zu einer Reduktion gekommen: immer noch treten die explizit akzentuierten Farben dem Betrachter mit vitaler Vehemenz entgegen, werden nun aber klarer konturiert und bewusster eingesetzt als zu Beginn ihres Schaffens.

Thematisch widmet sich die Künstlerin der Frau – ihrem Selbstverständnis sowie ihrer Rolle in der Gesellschaft. Dabei reicht die Bandbreite der Darstellungen vom melancholisch-verträumten Mädchen über die Grande Dame bis hin zur sinnlichen Verführerin. Den Frauengestalten ist eine gewisse Ambivalenz inhärent: Sie alle sind sensibel und stark zugleich, strahlen konzentrierte Innerlichkeit ebenso wie überbordende Vitalität aus. Oft sind um Blickkontakt werbende Augenpaare oder bewusst gesenkte Augenlider suggestiver Bestandteil der Figurencharakterisierung und beeinflussen im Zusammenspiel mit symbolisch gesetzten Blumen, Tieren und Artefakten die Ausstrahlung der Arbeiten entscheidend. Saša Makarová liebt Allegorien und findet es faszinierend, das Reale mit dem Surrealen zu verbinden. So werden unwirkliche Räume von fluoreszierender Farbenpracht mit erzählerischen Details ergänzt und zu psychologischen Einblicken von bewegender Eindringlichkeit verdichtet.

Die Künstlerin öffnet sich in ihren Werken den aus halbbewussten Seelenschichten nach Bildwerdung drängenden Themen vorbehaltlos. Ihre Gemälde verbinden so autobiografische Züge und persönliche Erlebnisse mit universellen Fragestellungen, wobei Kunstverstand und Selbstkontrolle allzu Privates, Affektgeladenes zum Verglühen bringen. Stattdessen bereiten sie eine Bühne für im kollektiven Gedächtnis bewahrte Archetypen und archaisch-mythische Erinnerungen.

Leben heißt im malerischen Kosmos von Saša Makarová, in einer sinnvollen Beziehung mit der Welt zu stehen, mit dieser vital verbunden zu sein. Die Künstlerin beleuchtet in ihren Arbeiten menschliche Bedürfnisse und Antriebe als existentiellen Imperativ, der das ganze Mysterium des Daseins in sich birgt. Dabei ist es nicht nur das Erfahren und Genießen der objektiven Welt, sondern dieses intensive Gefühl für den Sinn des Lebens, das sich in ihren Gemälden niederschlägt, in denen Lebensfreue überströmt und Leidenschaften natürliche Erfüllung finden. Ohne sie wäre unser Leben unfruchtbar und sinnlos.

Oft jedoch vergessen und überschreiten wir die klar festgelegten Grenzen unserer individuellen Bedürfnisse, diese werden zur Gier nach Sex, Macht oder Geld und der Mensch damit zu einem Ungeheuer. Auch diese Themen klingen im Œuvre Makarovás an, wenn auch in subtiler Weise.

Die Werke dokumentieren darüber hinaus – trotz der vielen Herausforderungen, die ein Frauenleben begleiten – die unablässige und bedingungslose Hingabe der Künstlerin an ihr Schaffen. Denn für Saša Makarová ist das Malen eine Obsession, sie malt bis zum Umfallen, bis selbst erlebte Wirklichkeit und visuelle Phantasie auf dem Höhepunkt künstlerischer Ekstase ein Bild erschaffen. Dabei nutzt sie ihr Privileg, mit komplexer Symbolik und der gesamten Bandbreite menschlicher Emotionen spielen zu können, bis Farbnovellen von geheimnisvoller Magie entstehen. Sie weiß ihre inneren Bilder auf der Leinwand zu bändigen und beschwört mittels dramatischer Ausdruckskraft und scharfsinniger Beobachtung Imaginationen herauf, die „durch das Auge des Betrachters zu dessen Seele vordringen und dort lange nachhallen.“ (Elisabeth Dutz)

Saša Makarová ist eine vielgereiste, durchaus eigenwillig zu nennende Künstlerin mit einem markanten Werk, deren konsequent figuratives Œuvre einen besonderen Stellenwert innerhalb der Malerei in Österreich einnimmt, was seit Mitte der 1990er Jahren in regelmäßigen nationalen wie internationalen Ausstellungen und Ankäufen (Sammlung der Österreichischen Nationalbank, Sammlung Strabag) seinen Niederschlag findet.